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Noch nicht alle Geschenke beisammen? Sie wollen über die Weihnachtsfeiertage ein gutes Buch lesen – wissen aber nicht so recht, welches? Dann sind Sie hier richtig: Zum Fest präsentieren wir mit kleinen Rezensionen unsere Buchtipps zum Jahresende. Darunter sind aktuelle Werke, aber auch Klassiker. Viel Spaß und Inspiration wünscht Ihnen die Bernstein Group.

Luuk van Middelaar: Alarums & Excursions – Improvising Politics on the European Stage

Das Thema des Buches ist brandaktuell. Es geht um das Wachsen der EU an ihren jüngeren Herausforderungen und ihr Übergang von einem rein regel- zu einem ereignisbasierten Ansatz. Die Krisen, denen sich die EU seit 2008 gegenübersah, zwangen die Union, so Autor Luuk van Middelaar in Alarums & Excursions, eine kräftige Dosis Realpolitik in ihre Palette aufzunehmen. Als Berater des ersten Präsidenten des Europäischen Rates, Herman van Rompuy, von 2010 bis 2015, war der Autor nahe an den handelnden Akteuren und verbindet Erfahrungen aus erster Hand mit konzeptionellen Überlegen zur institutionellen Struktur der Europäischen Union. Wer die Genese der „Grammatik der Souveranität“ von der Emmanuel Macron spricht, und die jüngeren Bestrebungen um europäische Unabhängigkeit verstehen will, findet hier Hilfestellung. / Florian Lottmann

Friederike Sattler: Herrhausen

Meine erste aktive Erinnerung an Alfred Herrhausen ist leider seine Ermordung. Erst durch die gleichnamige Biographie von Friederike Sattler habe ich einen Einblick in die vielfältige Persönlichkeit bekommen und ihn richtig kennengelernt. Er war ein sehr politischer Mensch mit Prinzipien, die ihm und anderen einen klaren Kompass gaben. „Walk the talk“ war seine Maxime, auch wenn er damit angeeckt ist. Faszinierend und tagesaktuell zugleich ist, dass Herrhausen immer das Gespräch mit Vertretern gesucht hat, die gerade nicht seiner Meinung waren. Nicht als einziger Beweis dafür, aber legendär, ist sein Interview mit der taz. Das war damals fast revolutionär und bis heute gibt es nicht viele Unternehmer und Wirtschaftslenker, die sich auf das Terrain gewagt hätten. Das Buch ist besonders lesenswert für alle, die kurz vor oder nach seinem Tod geboren sind. Neben dem Wissen über Herrhausen selbst ist es auch der Einblick in die jüngere deutsche Wirtschaftsgeschichte, die es so spannend macht. / Julia Spitze

Deniz Yücel: Agentterrorist

In Agentterrorist schreibt der Journalist Deniz Yücel über seine einjährige Haft im türkischen Hochsicherheitsgefängnis. Detailliert führt er darin die feine Balance zwischen medialer Öffentlichkeit und stiller Diplomatie aus, zwischen großen politischen Gesten und kleinen gesagten oder unausgesprochenen Worten. Wie wichtig ist öffentlicher Druck? Macht er stille, politische Erfolge kaputt, treibt er entscheidende Akteure an? Yücel beschreibt dieses ständige Ringen nicht aus theoretischem Abstand, sondern anhand seiner eigenen Erlebnisse. Das macht Agentterrorist spannend, lehrreich und hochdramatisch. Agentterrorist ist perfekt für alle, die sich für das fragile Spiel zwischen Öffentlichkeit und Diplomatie interessieren. Für Leser, die ein tieferes Verständnis über die moderne Türkei unter Erdogan und seine Hintergründe erfahren wollen. Und für jene, die an einem tragisch aktuellen Beispiel die Wichtigkeit von Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit und Demokratie (neu) verstehen wollen. / Timm Bopp

Cerstin Gammelin und Raimund Löw: Europas Strippenzieher – Wer in Brüssel wirklich regiert

Wie genau funktioniert die Europäische Union? Cerstin Gammelins und Raimuns Löws Insider-Bericht über Entscheidungsfindungsprozesse in der EU bringt auf 384 Seiten etwas Licht ins Dunkle. Anhand interner, geheimer Ratsdokumente, zahlreicher Interviews mit Regierungschefs sowie EU-Beamten und Diplomaten liefern die Autoren in Europas Strippenzieher tiefe Einblicke, wer in Brüssel „wirklich“ das Sagen hat. Das Buch fokussiert sich insbesondere auf die Krisenjahre der EU zwischen 2008 und 2013 und ist damit ein Must-Read für Politthriller- und Brüssel-Fans. Das Buch ist sachlich-analytisch und spannend zugleich und zeigt einmal mehr, wie Gesetzgebungen von den europäischen Mitgliedstaaten mit-initiiert wird – und dass Europa-Bashing oft aus wahltaktischen Gründen auf nationaler Ebene stattfindet. / Anna Isabel Becker

Markus Feldenkirchen: Die Schulz-Story. Ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz

Politisch ist der Schulz-Zug längst abgefahren. Oder doch nicht? Die Schulz-Story liefert auch mehr als zwei Jahren nach der Bundestagswahl 2017 noch hochinteressante Einblicke in die Wahlkampf-Odysee des damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Autor Markus Feldenkirchen erläutert dabei sowohl für Kenner des Politikgeschäfts als auch für Außenstehende verständlich die Funktionsweise einer mediengetriebenen Wahlkampfmaschinerie. Er zeigt dabei prägnant die menschlichen Seiten des Politikbetriebs und welche Dynamiken einen kometenhaften Aufstieg und den anschließenden tiefen Fall auslösen können. Die Schulz-Story verdeutlicht, wie Leidenschaft und Authentizität Begeisterung und Sehnsüchte wecken können und wie ein improvisierter Wahlkampf den großen Erwartungshaltungen am Ende nicht gerecht wird. Ein Must-Read für alle, die sich selbst in Wahlkämpfen engagieren und sich für die Dynamiken der Mediengesellschaft interessieren. / Benedikt Wunderlich

Florian Meinel: Vertrauensfrage – Zur Krise des heutigen Parlamentarismus

Der Parlamentarismus ist in Gefahr. Das zumindest behauptet und belegt der Staatsrechtler Florian Meinel in seinem Buch Vertrauensfrage, in dem er auch Vorschläge Reformen liefert. Er geht auf das System des deutschen Parlamentarismus ein, das nicht auf dem verfassungsrechtlichen Reißbrett geplant, sondern natürlich gewachsen und damit potenziell gefährdet ist. Der Niedergang der Volksparteien, der konstante Machtzuwachs des Bundeskanzleramtes sowie das Bundesverfassungsgericht, das vermehrt richtungsweisende Entscheidungen für die Politik trifft, könnten Meinel zufolge den Parlamentarismus in Deutschland nachhaltig verändern. Das Buch ist klar geschrieben und eignet sich für Leser, die nach einer guten Mischung zwischen staatsrechtlicher Wissensvermittlung und politischer Diskussion suchen. / Lars Jagemann

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Der Kontroverse um den Autor und das falsche Walter Hallstein-Zitat zum Trotz – Die Hauptstadt ist ein faszinierender Einblick in die Brüsseler EU-Blase und in den Alltag der europäischen Institutionen. Robert Menasse hat den Blick für die kleinen Absurditäten der europäischen Arbeitsweise ebenso wie für die großen Fragen: Gibt es eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur? Kann sie überhaupt geschaffen werden, und, falls ja, wie würde ein solcher Prozess in der (scheinbar) kleinteiligen Entscheidungsfindung von Kommissionsreferaten und Ratsarbeitsgruppen aussehen? Die Hauptstadt ist ein fesselnd geschriebener Roman, der zum Lachen bringt und zum Nachdenken anregt. Eine kritische, aber ehrliche Liebeserklärung an das europäische Projekt – Leseempfehlung für alle, denen Europa am Herzen liegt. / Kevin Rieger

Nick Drnaso: Sabrina

Eine Frau verschwindet, und es ist nicht ganz klar, ob sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Das könnte der Stoff für einen spannenden Krimi sein – doch Nick Drnaso macht daraus eine Geschichte. Sie handelt von Menschen, deren Leben vom Medienkonsum geprägt ist und die dadurch nicht nur emotional verarmen, sondern auch ihre Urteilsfähigkeit verlieren. Sabrina ist als Graphic Novel ein Kommentar zum Populismus und eine Gesellschaftskritik des heutigen Amerikas. Der sich aufkeimende Hass der Figuren ist in eingefrorene, entseelte Bilder gebrannt, die strikte Geometrie lässt ihre Gefühle verstummen. Die Lektüre ist für alle geeignet, die sich mit Populismus und Medien beschäftigen wollen. Sabrina ist der erste Comic, der je für den Booker Price, den wichtigsten britischen Literaturpreis, nominiert wurde. / Teresa Lopez

Tim Marshall: Die Macht der Geographie: Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt

Außenpolitische Ereignisse und Prozesse hängen stets mit geopolitischen Rahmenbedingungen zusammen. Was heute oft in Vergessenheit gerät: Politische Prozesse unterliegen Regeln und der Entscheidungsspielraum von Politikern ist begrenzt. Zu Beginn jeder Analyse sollte daher ein Blick auf den geographischen Rahmen und die Ausgestaltung der relevanten Verfahren stehen. In Die Macht der Geographie veranschaulicht Tim Marshall, dass die geographische Karten nicht nur eine gute Erklärung für Ereignisse darstellen, sondern auch einen fundierten Blick in die Zukunft ermöglichen. Das Buch ist bestens geeignet für Leser, die Prognosen zu aktuellen und künftigen politischen Prozessen aufstellen. / Stephan Botz

Cass Sunstein und Richard Thaler: Nudge

Es ist ein politisches Konzept, das gerade bei Liberalen zu Beißreflexen führt: „Nudging“, zu Deutsch „Anstupsen“, ist umstritten. Durch psychologische Tricks, so die Kritik, schränke der Staat die Entscheidungsfreiheit seiner Bürger ein. Doch stimmt das wirklich? Ein Blick aufs Original lohnt. In Nudge haben die Verhaltensökonomen Cass Sunstein und Richard Thaler den Begriff geprägt und ihre Idee des „libertären Paternalismus“ erläutert: Nudging erweitere das Set staatlicher Anreize (z.B. Steuern) nur um neue Methoden, die Freiheit der Bürger bleibe unberührt. Leicht verständlich und unterhaltsam untermauern sie ihre These mit vielen Beispielen. Nicht nur für Kritiker ist das Buch damit die ideale Lektüre, um ihren Horizont zu erweitern. / Florian Schmidt

Daniel Ziblatt und Steven Levitsky: How Democracies Die

Steht der Demokratie der Tod ins Haus? Die Politikwissenschaftler Daniel Ziblatt und Steven Levitsky jedenfalls warnen davor. In How Democracies Die beschreiben sie Symptome für den schleichenden Verfall der Demokratie, gehen auf die schwindenden politischen Normen ein, die De-Legitimierung politischer Gegner und vertreten die These, dass der Zerfall der Demokratie auch durch demokratische Institutionen angestoßen werden kann. Ihre Thesen untermauern sie durch Beispiele vom Nationalsozialismus bis ins heutige Ungarn und Venezuela. Deutlich wird bei der Lektüre, was das Scheitern von Demokratien in der Vergangenheit über ihre Zukunft sagen kann. Das Buch ist damit für jeden interessant, der sich sowohl für die Geschichte als auch für die Zukunft unseres politischen Systems interessiert. / Julina Mintel

Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Welche Zukunft hat die Demokratie? Für Yuval Noah Harari ein klarer Fall: „Die Demokratie in ihrer gegenwärtigen Form kann die Verschmelzung von Biotechnologie und Informationstechnologie nicht überleben. Sie wird sich entweder radikal neu erfinden müssen, oder die Menschen werden künftig in ‚digitalen Diktaturen‘ leben.“ Harari: einer der scharfsinnigsten Denker unserer Tage. Nach Eine kurze Geschichte der Menschheit und Homo Deus nun also 21 Einladungen, die Demokratien wetterfest zu machen gegen die Stürme von Digitalisierung und Globalisierung, Technikgläubigkeit und Nationalismen. Ein Buch für die Freunde des guten Arguments, die die Hoffnung auf das Überleben der Demokratie im 21. Jahrhundert noch nicht aufgegeben haben. / Ralf Kunkel

Scott E. Page: The Model Thinker

Auch wenn wir im postfaktischen Zeitalter leben sollen – wichtige Entscheidungen trifft man besser evidenz- als emotionsbasiert. Allen, die sich dafür interessieren, wie man aus Daten und Informationen Wissen generiert, sei The Model Thinker von Scott Page ans Herz gelegt. Er führt in eine ganze Reihe von Analysemodellen ein und inspiriert, neue Perspektiven auf Analyseprobleme einzunehmen. Dabei geht es nicht um theoretische Probleme: Die Priorisierung, 2008 den Finanzdienstleister AIG (und nicht Lehman Brothers) zu retten, traf die US-Regierung auf Basis einer Netzwerkanalyse der Verbindlichkeiten zwischen den großen Finanzinstituten. Solche Netzwerkmodelle sind auch in der Public Affairs Arbeit extrem hilfreich – und nicht das einzige Modell, das sich im PA-Bereich praktisch anwenden lässt. / Julian Schibberges

Sibylle Berg: GRM. Brainfuck

GRM. Brainfuck von Sibylle Berg ist ein Roman voller apokalyptischer Wucht einerseits und zärtlicher Empathie andererseits. Sibylle Berg widmet sich den Unterprivilegierten, kulturell Verkommenen, den Straßenkindern. Gleichzeitig liefert der Roman einen düsteren Ausblick auf ein neoliberales Großbritannien nach dem Brexit, in der Totalüberwachung, Armut und Gewalt regieren. Wie nah die harte Dystopie an der Wahrheit liegt, ist faszinierend. Wie Sibylle Berg mit jeder Menge Spott und doch virtuos, berührend, explizit und gekonnt die Perspektiven switchend die Story erzählt, ist krass und ungeheuer gegenwärtig und damit für die breite Masse der Leser gut geeignet. / Katka Schroth

Julia Jorch: Schlaflos im Shitstorm

Bei Politikern gehört es schon fast zum guten Ton, nach der aktiven Karriere eine Biographie oder eine Erinnerungen an Berg-und-Talfahrten, Intrigen und Wahlkämpfen zu veröffentlichen. Julia Jorch arbeitete lange in der Nähe der ersten Reihe der deutschen Politik und doch im Hintergrund. Als Pressesprecherin der Grünen-Bundespartei hat sie in sechs Jahren in Berlin und darüber hinaus viele unterhaltsame und spannende Anekdoten erlebt. Diese Erlebnisse bündelt sie illustrativ und augenzwinkernd in Schlaflos im Shitstorm. Wer schon immer wissen wollte, was Pressesprecher täglich umtreibt, wieso Politiker Fotos beim Essen fürchten und wie es sich im Auge des Shitstorms überleben lässt, sollte dieses Buch nicht verpassen. / Robin Arens