{"id":1786,"date":"2019-05-22T11:55:36","date_gmt":"2019-05-22T11:55:36","guid":{"rendered":"https:\/\/bernstein-group.com\/?p=1786"},"modified":"2019-05-22T11:55:36","modified_gmt":"2019-05-22T11:55:36","slug":"wie-sich-die-massstaebe-der-relevanz-verschieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernstein-group.com\/en\/2019\/05\/22\/wie-sich-die-massstaebe-der-relevanz-verschieben\/","title":{"rendered":"Wie sich die Ma\u00dfst\u00e4be der Relevanz verschieben"},"content":{"rendered":"<p class=\"qtranxs-available-languages-message qtranxs-available-languages-message-en\">Sorry, this entry is only available in <a href=\"https:\/\/bernstein-group.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1786\" class=\"qtranxs-available-language-link qtranxs-available-language-link-de\" title=\"DE\">DE<\/a>.<\/p><p>Fl\u00fcchtlingskrise oder Rentenloch? Impfpflicht oder Pflegenotstand? T\u00e4glich entscheiden Journalisten dar\u00fcber, mit welchen Themen sie ihre Leser, Zuschauer und Zuh\u00f6rer konfrontieren. Sie w\u00e4hlen aus, gewichten, legen Schlagzeilen und Aufmacher-Meldungen f\u00fcr Nachrichtensendungen fest. Die H\u00f6he des Nachrichtenwertes bemisst sich dabei anhand von drei Kriterien: Ist die Nachricht neu, ist sie interessant, ist sie relevant?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Attribute neu und interessant relativ leicht und zum Teil nur subjektiv bestimmen lassen, ist die Frage nach der Relevanz schwieriger zu beantworten: Ist relevant, was viele Menschen betrifft? Oder ist relevant, wor\u00fcber viele Menschen reden \u2013 nicht zuletzt, weil Politik, Verb\u00e4nde und Unternehmen mittels zielgerichteter Kommunikation von bestimmten Themen Reden machen?<\/p>\n<p>J\u00fcngst diskutierten dar\u00fcber auf der Internetmesse re:publica in Berlin WDR-Moderator Georg Restle, ZDF-Moderatorin Marietta Slomka, Vanessa Vu, Redakteurin bei \u201eZeit Online\u201c sowie der Chefredakteur der linksliberalen Wochenzeitung \u201eFalter\u201c aus \u00d6sterreich, Florian Klenk. Schnell wurde klar, dass es nicht den Blick nach Amerika, auf den Twitter-Kanal von Donald Trump braucht, um den wachsenden Einfluss politischer Kommunikation auf \u00f6ffentliche Debatten zu veranschaulichen. Klenk illustrierte ihn am Beispiel der \u00f6sterreichischen Regierung, die im Zuge der Ibiza-Aff\u00e4re gerade auseinander zu fallen scheint. In der Vergangenheit habe die \u00d6VP-FP\u00d6-Koalition die Strategie des so genannten \u201eMessage Control\u201c verfolgt, bei der s\u00e4mtliche Aussagen der Regierungsmitglieder eng abgestimmt w\u00fcrden, sodass es keine Divergenzen in der Kommunikation gebe. Dabei setzte die Regierung auch Themen, die ob fehlender Betroffenheit der Leser aus Sicht vieler Journalisten zwar nicht unbedingt relevant seien, jedoch trotzdem von vielen Medien aufgegriffen werden \u2013 weil die Regierung selbst Relevanz vermittle, indem sie \u00fcber die sozialen Medien ein gro\u00dfes Echo in der Bev\u00f6lkerung hervorrufe.<\/p>\n<p>Als etwa im Sommer 2018 mehrere Vereinslokale der t\u00fcrkisch-nationalistischen Grauen W\u00f6lfe in Wien ins Visier des Innenministeriums gerieten, so Klenk, habe die Regierung eine Pressekonferenz einberufen, an der fast das halbe Kabinett teilgenommen habe. \u201eSie haben so getan, als h\u00e4tten sie einen Terroranschlag verhindert\u201c, sagte Klenk. Unisono habe die Regierung den ganzen Tag auf Facebook und Twitter erz\u00e4hlt, dass sie \u201eradikalen Moscheen\u201c geschlossen h\u00e4tten, fast alle Medien seien aufgesprungen, so Klenk weiter. \u201eIn Wirklichkeit war das ein Verwaltungsakt, der den Kellerlokalen lediglich den Namen Moschee entzogen haben, ohne dass irgendwas geschlossen wurde\u201c. Und vor allem: ohne dass sich im Alltag der acht Millionen \u00d6sterreicher substanziell etwas ge\u00e4ndert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Auch in Deutschland zeichnen sich derlei Tendenzen ab. Viele Bundesministerien verf\u00fcgen inzwischen \u00fcber eigene \u201eNewsrooms\u201c, in denen sie semi-journalistische Formaten entwickeln, die sich ohne Umweg \u00fcber die Medien direkt an die Bev\u00f6lkerung richten. Auch im \u00f6ffentlichen Diskurs lassen sich Ver\u00e4nderungen beobachten. Die Themen Asyl und Fl\u00fcchtlinge haben in den vergangenen Jahren deutlich mehr Raum eingenommen als etwa die Rentenpolitik; \u00fcber die Impfpflicht wird hitziger diskutiert als \u00fcber die L\u00f6sung des Pflegenotstands. Und das obwohl alle Deutschen eines Tages eine Rente beziehen, m\u00f6glicherweise zum Pflegefall werden \u2013 und nur wenige mit Fl\u00fcchtlingen und radikalen Impfgegnern in Ber\u00fchrung kommen.<br \/>\n\u00dcber die Bewertung dieser Entwicklung und die Folgen f\u00fcr unsere Gesellschaft l\u00e4sst sich streiten, ebenso \u00fcber die Rolle von Journalisten, Politik, Wirtschaft und Verb\u00e4nden. Unabh\u00e4ngig davon jedoch lassen sich drei Schlussfolgerungen ableiten.<\/p>\n<ol>\n<li>Die Ma\u00dfst\u00e4be der Relevanz verschieben sich: Die Bedeutung der Betroffenheit nimmt ab, die der Gespr\u00e4chigkeit zu. H\u00e4ufig reicht es heute, dass eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Menschen \u2013 allein in den sozialen Medien \u2013 \u00fcber ein Thema spricht, auch wenn der Gegenstand des Themas keine direkten Auswirkungen auf sie hat. Emotionalit\u00e4t ist dabei Trumpf: Den besten Gespr\u00e4chsstoff bieten polarisierende Themen. Je kontroverser die Positionen, desto hitziger verlaufen Debatten. Dass es sich dabei bisweilen um Scheindebatten handeln mag, um reine Symbolpolitik, ist zweitrangig.<\/li>\n<li>Der Einfluss der Kommunikation nimmt zu: Gesellschaftliche Akteure, Unternehmen und Politik k\u00f6nnen diesen Umstand f\u00fcr sich nutzen. Wollen sie die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema lenken, k\u00f6nnen sie konkrete Ma\u00dfnahmen ergreifen, zum Beispiel das gezielte Personalisieren oder Emotionalisieren trockener Sachthemen oder das breite Ausspielen eigener Botschaften in den Kan\u00e4len der sozialen Medien.<\/li>\n<li>Die Verantwortung der Journalisten w\u00e4chst: In noch gr\u00f6\u00dferem Ma\u00df als fr\u00fcher m\u00fcssen Reporter und Redakteure heute das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Zwar l\u00e4sst sich durch Gespr\u00e4chigkeit hervorgerufene Relevanz nicht ignorieren \u2013 reden Leser, Zuh\u00f6rer und Zuschauer \u00fcber ein Thema, k\u00f6nnen sie auch Anspruch auf eine Berichterstattung erheben, wie j\u00fcngst bei der ausbleibenden Live-Berichterstattung \u00fcber den Brand von Notre Dame deutlich wurde. Dennoch m\u00fcssen Journalisten den urspr\u00fcnglichen Kern der Relevanz im Blick behalten, die Frage danach, was tats\u00e4chlich eine gro\u00dfe Masse an Menschen betrifft und was nicht. Denn gerade angesichts der F\u00fclle von Informationen, die das Digital-Zeitalter mit sich bringt, wird die Filter-Funktion der Medien immer wichtiger.<\/li>\n<\/ol>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sorry, this entry is only available in DE.Fl\u00fcchtlingskrise oder Rentenloch? Impfpflicht oder Pflegenotstand? T\u00e4glich entscheiden Journalisten dar\u00fcber, mit welchen Themen sie ihre Leser, Zuschauer und Zuh\u00f6rer konfrontieren. Sie w\u00e4hlen aus, gewichten, legen Schlagzeilen und Aufmacher-Meldungen f\u00fcr Nachrichtensendungen fest. 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