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„Keine Prognose!“ Diesen Hinweis liefert die ARD jedes Mal direkt mit, wenn sie vor einem Wahltermin eine Umfrage veröffentlicht. Nur keine falschen Erwartungen wecken. Doch es gibt eine Nachfrage nach Modellen, die bereits vor dem Wahlsonntag vorhersagen, wie die Parteien bundesweit abschneiden werden. Ein besonderes Interesse gilt dem Ausgang der Wahl im Wahlkreis. Wie belastbar sind solche Wahlkreisprognosen?

Zuallererst: Es gibt 2 Arten von Prognosen in Deutschland, analog zur Erst- und Zweitwahlstimme. Das unterscheidet das deutsche Wahlsystem z.B. vom amerikanischen, wo nur die Ergebnisse in den Wahlkreisen entscheidend sind. In Deutschland ist dagegen das Ergebnis der Zweitstimme entscheidend für die Kräfteverhältnisse im Parlament und damit auch die Koalitionsoptionen. Die Erststimme entscheidet dagegen, ob bestimmte Personen in das Parlament einziehen und wie das regionale Kräfteverhältnis innerhalb einer Fraktion aussieht.

Das Ziel einer Prognose ist es, vorab eine Einschätzung zu geben. Neben reinem Interesse sind die Gründe vielfältig.

  • Verbände wollen wissen, ob geschätzte Fachexperten wieder im Parlament vertreten sein werden oder ob sie evtl. frühzeitig auf potentielle Nachfolger zugehen sollten.
  • Unternehmensvertreter interessiert, welche Parteien realistischerweise eine Koalition bilden könnten, um sich inhaltlich auf ein mögliches Engagement in den Koalitionsverhandlungen vorbereiten zu können.
  • Parteien und Abgeordnete interessieren sich natürlich für ihre eigenen Chancen.

Gibt es Gütekriterien?

Wie beurteilen wir Prognosen für unsere Mandanten und uns? Die genauen Kriterien richten sich nach dem Erkenntnisinteresse. Ein paar generelle Faktoren lassen sich aber formulieren:

  • Zeitpunkt: Das Rennen um die „beste Prognose“ gewinnt regelmäßig derjenige, der mit seiner Erhebung am nächsten am Wahltermin dran ist. Es ist dann aber meist zu spät, um auf Basis dieser Information relevante Entscheidungen zu treffen. Wichtiger ist daher die Qualität der Prognosen in den Wochen/Monaten vor einer Wahl. Am besten lässt sich das auf Basis mehrerer vergangener Prognosen beurteilen. Umgekehrt gilt aber auch: Es macht wenig Sinn, darüber nachzudenken, wer das Direktmandat in einem Wahlkreis gewinnen wird, wenn die Direktkandidaten der Parteien noch gar nicht nominiert sind.
  • Beständigkeit: Bei einer hohen Variabilität zwischen einzelnen Prognosen kann es sein, dass diese sehr stark von tagesaktuellen Faktoren, wie Umfragen, beeinflusst sind. Dann handelt es sich aber weniger um eine Prognose, als um ein Stimmungsbild. Insbesondere Wahlkreise (mit ein paar Ausnahmen) springen selten von Partei zu Partei.
  • Gewichtungsfaktoren: Ein Prognosemodell sollte sich immer aus mehreren Faktoren zusammensetzen. Also zum Beispiel Strukturdaten und Umfragen berücksichtigen. Jeder Faktor hat Vorteile und blinde Flecken. Im optimalen Fall ergänzen sie sich in einem guten Modell.
  • Wahlentscheidung: Nach aktuellen Erkenntnissen treffen die meisten Bürger ihre endgültige Wahlentscheidung erst in der „heißen“ Wahlkampfphase, also in den letzten Wochen vor der Wahl; einige sogar erst in den letzten Tagen davor. Umfragen vor dieser Phase sind, abgesehen von generellen Trends, weniger verlässlich. Detaillierte Prognosen auf die zweite Nachkommastelle vor dieser Phase sollten stutzig machen.
  • Briefwähler: Fast 30 Prozent der Wähler haben in der letzten Bundestagswahl ihre Stimme per Brief abgegeben. Teilweise Wochen vor der Wahl. Kurzfristige Ereignisse können diese Stimmen nicht mehr beeinflussen. Schwankungen kurz vor der Wahl können also nicht allzu riesig ausfallen, egal was Umfragen sagen.
  • Landeslisten: Der Einzug vieler Abgeordneter entscheidet sich über die Landeslisten. Hier ist also entscheidend, wie eine Partei im jeweiligen Bundesland abschneidet. Die Gesamtprognose ist hier irrelevant. Bildet das Prognosemodell das deutsche System mit Landeslisten so nicht ab, sind insbesondere Personalvorhersagen nicht belastbar.
  • Transparenz: Technologie- und Mathematik-Blendgranaten gehören zum Marketing zwar oft dazu. Wer aber auch auf Nachfrage sein Modell und die grundsätzlichen Überlegungen dahinter nicht erklären kann oder will, erzeugt wenig Vertrauen. Wie bei Umfrageinstituten muss man sicherlich nicht jeden Gewichtungsfaktor offenlegen. Aber das Vorgehen bei der Prognose sollte nachvollziehbar sein.

Für uns gilt: Wahlkreisprognosen können sehr spannend sein, wenn man eine Ahnung davon haben möchte, wer künftig im Parlament vertreten sein könnte. Sie können auch helfen, unter möglichst kalkulierbarer Unsicherheit bessere Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie die Unsicherheit nie auflösen können. Je weiter sie allerdings vom Wahltermin weg sind, desto weniger sollte man sich darauf verlassen und das bei seinen Entscheidungen berücksichtigen.

Wer bietet Prognosen an?

Es gibt verschiedene Webseiten, die Prognosen kostenfrei und gegen Geld anbieten. Ob und für welchen Zweck sich die Prognosen und Produkte für den jeweiligen Zweck eignen, muss individuell beurteilt werden

  • Wahlkreisprognose.de
    • Die Webseite bietet Prognosen zu Erst- und Zweitstimmergebnissen für Bund und Länder an.
  • Election.de
    • Bietet eine Prognose des Erststimmenergebnisses der Bundestagswahl und ausgewählter Bundesländer
  • Zweitstimme.org
    • Es gibt eine Prognose zur Erst- und Zweitstimme der Bundestagswahl 2017. Ob für 2021 ebenfalls Prognosen abgegeben werden, ist uns noch nicht bekannt
  • insa-consulere.de
    • Die Wahlkreiskarte stellt auf Basis des INSA Meinungstrends eine Vorhersage von Erst- und Zweitstimmen (Wahlkreisgewinner) für Bundestagswahlen