{"id":3304,"date":"2021-08-25T11:46:34","date_gmt":"2021-08-25T09:46:34","guid":{"rendered":"https:\/\/bernstein-group.com\/?p=3304"},"modified":"2022-03-10T15:10:26","modified_gmt":"2022-03-10T14:10:26","slug":"3304","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernstein-group.com\/de\/2021\/08\/25\/3304\/","title":{"rendered":"&#8220;Es mangelt an einer angemessenen \u00dcberbr\u00fcckungsfinanzierung.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Regelm\u00e4\u00dfig m\u00f6chten wir auf unserem Blog neben unserem eigenen Blick auf die Themen auch andere Perspektiven beleuchten und Externe zu Wort kommen lassen. Heute ver\u00f6ffentlichen wir einen Gastbeitrag von Lutz Wildermann, Head of Agriculture bei <a href=\"https:\/\/klim.eco\/\">Klim<\/a>:<\/strong><\/p>\n<p><em> Das Berliner Start-up \u201eKlim\u201c entwickelt eine digitale Plattform und ein Verbraucherlabel f\u00fcr eine klimapositive Landwirtschaft. \u00dcber das Label werden Betriebe finanziert, die durch Humusaufbau CO<sub>2<\/sub> langfristig aus der Atmosph\u00e4re entfernen.<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Was w\u00e4re, wenn wir den Klimawandel beerdigen k\u00f6nnten? Was zun\u00e4chst abwegig erscheint, ist auf den zweiten Blick eine ernst zu nehmende Option. Gemeint ist damit aber nicht, CO2 in alte Bergstollen einzulagern. Vielmehr geht es hier um eine naheliegende biologische Variante: Humusaufbau in landwirtschaftlichen B\u00f6den.<\/p>\n<p>Durch den im Humus gespeicherten Kohlenstoff kann das von den Pflanzen aufgenommene CO2 dauerhaft in den Boden eingebracht werden. Neben der klassischen Aufforstung ist dies eine der wenigen \u201cnature based solutions\u201d, die uns die Erde zur Verf\u00fcgung gestellt hat.<\/p>\n<p>Konsequent angewendet k\u00f6nnten durch Humusaufbau 4-11 Gigatonnen aus der Atmosph\u00e4re absorbiert werden. J\u00e4hrlich. Zum Vergleich: Die Emissionen Europas und der USA lie\u00dfen sich damit kompensieren. Ebenfalls j\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Daneben geht die CO2-Speicherung durch Humusaufbau mit einer Vielzahl positiver Effekte einher. So wird die N\u00e4hrstoff- und Wasserspeicherf\u00e4higkeit des Bodens erh\u00f6ht. Die Verbesserung der Wasserspeicherf\u00e4higkeit ist zugleich eine Versicherung gegen\u00fcber Wetterextremen. Und es lassen sich N\u00e4hrstoffauswaschungen reduzieren, sodass vorhandene N\u00e4hrstoffe effizienter genutzt werden. Dadurch verbesserte Ernteertr\u00e4ge f\u00fchren wiederum zu einer h\u00f6heren CO2-Speicherleistung. Somit schlie\u00dft sich der Kreis. Und aus dem Klima-Teufelskreis wird so der Herkules-Zirkel des Humus.<\/p>\n<p>Wer in der landwirtschaftlichen Praxis verst\u00e4rkt Humus aufbauen will, der kommt an den Prinzipien der sogenannten \u201cregenerativen Landwirtschaft\u201d kaum vorbei. Diese Prinzipien fu\u00dfen auf einem B\u00fcndel an Ma\u00dfnahmen, wie z.B. eine dauerhafte Bodenbedeckung, eine Aktivierung der Bodenlebewesen und einer minimalen Bodenst\u00f6rung. Obwohl die Vorteile auf der Hand liegen, verfolgt heutzutage nur ein Bruchteil der Betriebe diese Ma\u00dfnahmen konsequent. Das liegt unter anderem an einer fehlenden Vermittlung des Wissens in der agrarwirtschaftlichen Ausbildung, aber auch an einem fehlenden Netzwerk aus regionalen Praktikern. Hinzu kommt, dass es nur wenige Experten der regenerativen Landwirtschaft in Deutschland gibt, die ihr Wissen weitergeben. Und zu guter Letzt mangelt es einer angemessenen \u00dcberbr\u00fcckungsfinanzierung. Denn: Humusaufbau ist ein Langstreckenlauf. Bis sich die positiven Effekte bemerkbar machen, vergehen einige Jahre. In diesen Jahren verzichtet der Landwirt auf der einen Seite auf Ertr\u00e4ge, indem er beispielsweise Fl\u00e4chen zur Regeneration brach liegen l\u00e4sst. Auf der anderen Seite hat er h\u00f6here Aufwendungen, zum Beispiel f\u00fcr sogenannte Winterzwischenfr\u00fcchte, damit der sonst nackte Boden vor den Witterungsbedingungen gesch\u00fctzt wird.<\/p>\n<p>Genau hier setzt die Klim-App als digitaler Begleiter f\u00fcr die regenerative Landwirtschaft an: Landwirte erhalten Zugang zu ma\u00dfgeschneiderten Wissensartikeln, die zu den Besonderheiten und Bed\u00fcrfnissen ihres Betriebs passen. Zudem k\u00f6nnen sie sich mit Praktikern aus ihrer Region austauschen. Und sie erhalten eine finanzielle Verg\u00fctung f\u00fcr die mit der Anwendung regenerativer Praktiken einhergehende CO2-Speicherleistung.<\/p>\n<p>Die Einnahmen generiert Klim \u00fcber ein Label f\u00fcr klimapositive Produkte, mit denen Lebensmittelunternehmen die regenerative Landwirtschaft unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Durch die Labelgeb\u00fchr wird die Umsetzung regenerativer Ma\u00dfnahmen der Landwirte finanziert, sodass das Produkt netto mehr Emissionen aus der Atmosph\u00e4re entzieht, als es durch die Produktion emittiert. Durch die Vergabe des Lebensmittellabels wird zudem die Klimaleistung der Landwirte Verbraucherinnen und Verbrauchern gegen\u00fcber sichtbar gemacht.<\/p>\n<p>Das Potenzial der regenerativen Landwirtschaft hat auch die Europ\u00e4ische Union (EU) f\u00fcr sich erkannt: Bis 2023 soll ein rechtlicher Rahmen zur Zertifizierung von landwirtschaftlichen CO2-Speicherleistungen verabschiedet werden. Weiterhin will die EU Modelle zur Subventionierung des CO2-Speicherpotentials entwickeln. Die Ambitionen sind lobenswert. Ein einheitlicher rechtlicher Rahmen zur Zertifizierung schafft Klarheit. Dem Wildwuchs an unterschiedlichen und teils fragw\u00fcrdigen Standards kann so Einhalt geboten werden. Allerdings sind es die Landwirte, die die Dokumentation erledigen m\u00fcssen. Werden sie mit b\u00fcrokratischen Regeln \u00fcberfrachtet, wird kaum Humusaufbau auf landwirtschaftlichen Fl\u00e4chen stattfinden.<\/p>\n<p>Hinzu kommt: Wollen sich Unternehmen die CO2-Speicherleistung aus Klimaschutzprojekten in der eigenen Bilanz anrechnen lassen, m\u00fcssen sie nachweisen, dass die Speicherleistung nur aufgrund ihres Engagements als zus\u00e4tzliche Leistung entstanden ist. Eine direkte Subventionierung von Ma\u00dfnahmen zum Humusaufbau w\u00fcrde genau diese Anrechenbarkeit gef\u00e4hrden, da der zweifelsfreie Nachweis der Zus\u00e4tzlichkeit massiv erschwert w\u00fcrde. Unternehmen w\u00fcrde mithin ein elementarer Anreiz genommen, in privatwirtschaftliche Klimaschutzprojekte zu investieren.<\/p>\n<p>Zudem l\u00e4sst eine direkte Subventionierung Landwirte weiterhin als reine Empf\u00e4nger von staatlichen Unterst\u00fctzungsleistungen erscheinen. Die Akzeptanz f\u00fcr derartige Unterst\u00fctzungsleistungen ist gerade deswegen unter Landwirten berechtigterweise gering. Zu oft wurden sie in der \u00d6ffentlichkeit als Handaufhalter diffamiert. Vielmehr wollen sie als eigenst\u00e4ndige Unternehmer anerkannt werden, die L\u00f6sungen f\u00fcr Klima- und Umweltprobleme bereitstellen.<\/p>\n<p>Diese Positionierung gelingt nur, wenn Landwirte und Lebensmittelproduzenten Hand in Hand daran arbeiten, das Gute, das die Landwirte tun, den Verbraucherinnen und Verbrauchern gegen\u00fcber sichtbar zu machen. Anstatt privatwirtschaftlichen Initiativen das Wasser abzugraben, sollte die EU daher einheitliche und transparente Regeln erlassen, die eine breite Anrechenbarkeit von CO2-Speicherleistungen erm\u00f6glichen, f\u00fcr Verl\u00e4sslichkeit und Planungssicherheit sorgen und Doppelanrechnungen von CO2-Speicherleistungen z.B. durch digitale Register, verhindern. In diesem Zusammenhang t\u00e4te die EU einmal mehr gut daran, sich mehr als Schiedsrichter und weniger als aktiver Teil des Spiels zu begreifen.\u201d<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regelm\u00e4\u00dfig m\u00f6chten wir auf unserem Blog neben unserem eigenen Blick auf die Themen auch andere Perspektiven beleuchten und Externe zu Wort kommen lassen. 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