{"id":2416,"date":"2020-06-24T13:58:44","date_gmt":"2020-06-24T11:58:44","guid":{"rendered":"https:\/\/bernstein-group.com\/?p=2416"},"modified":"2020-09-28T12:42:49","modified_gmt":"2020-09-28T10:42:49","slug":"die-vorstellung-einer-autofreien-zukunft-ein-gastbeitrag-von-katja-diehl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernstein-group.com\/de\/2020\/06\/24\/die-vorstellung-einer-autofreien-zukunft-ein-gastbeitrag-von-katja-diehl\/","title":{"rendered":"Die Vorstellung einer autofreien Zukunft: Ein Gastbeitrag von Katja Diehl"},"content":{"rendered":"<p>Wem geh\u00f6rt die Stadt?<\/p>\n<p>Ich bin seit 20 Jahren beruflich t\u00e4tig \u2013 und so lange schon besch\u00e4ftige ich mich mit Mobilit\u00e4t, Logistik \u2013 Bewegung von Menschen und G\u00fctern. Denn von Beginn an (ich habe nie ein eigenes Auto besessen) war da dieses Gef\u00fchl: \u201eHier stimmt doch was nicht?!\u201c Was als diffuses Bauchgrummeln begann, hat sich in den letzten Jahren immer mehr manifestiert: Die Raumverteilung in unseren St\u00e4dten ist in h\u00f6chstem Ma\u00dfe ungerecht und schr\u00e4nkt mehr Menschen ein, als dass sie ihnen Freiheit schenkt. Dabei bin ich in den siebziger Jahren geboren und qua Geburt daran gew\u00f6hnt, dass an allen Stra\u00dfen, die ich mit dem Rad befahre, zu Fu\u00df begehe, mindestens eine Reihe geparktem Blech geh\u00f6rt. Dinge, die f\u00fcr unsere passive Bewegung gebaut werden, statistisch aber nur 45 Minuten am Tag wirklich gefahren werden. Meistens von nur einer Person.<\/p>\n<p>Ich wohne in Hamburg. Zun\u00e4chst an der Sternschanze, jetzt im eher ruhigen Wohngebiet Eimsb\u00fcttel. Wenn ich von meinem Balkon blicke, blicke ich auf die von mir genannte Ungerechtigkeit: Ich sehe wie aus einem Helikopter heraus im direkten Vergleich, wieviel Platz wir an geparkte Autos kostenfrei vergeben. Eine gute Bekannte von mir sagte: \u201eDas muss sich \u00e4ndern, ich darf mein Sofa ja auch nicht einfach tagelang an die Stra\u00dfe stellen!\u201c Solche Bilder brauchen wir, um deutlich zu machen, wie gro\u00df die Ungerechtigkeit ist. Denn: Wir sind an diese gew\u00f6hnt, wir akzeptieren sie. Wir sind dazu erzogen, sie nicht zu hinterfragen. Kinder aus Hamburg kennen mittlerweile die \u201eAmeise\u201c. Das Wort ruft fr\u00f6hlich die vorne mit der Kindergruppe laufende Betreuerin, die in Zweierreihen gehenden Kinder fassen sich alle an den H\u00e4nden, um dann in einer Reihe gehend die Wegest\u00fccke zu \u00fcberbr\u00fccken, wo sie nicht mehr zu zweit nebeneinander passen. Dort, wo riesige SUV-Schnauzen in ihren Weg ragen, weil die Parkl\u00fccken in den f\u00fcnfziger Jahren gebaut wurden, wo Autos noch sehr viel kleiner waren.<\/p>\n<p>Es gab vor einigen Monaten gro\u00dfe Aufregung um den Cybertruck von Elon Musk. Tesla stellte ein Fahrzeug vor, das vollelektrisch als Konkurrenz zu amerikanischen Pick-Ups darstellen soll. In Deutschland machten sich viele \u00fcber dieses brachial aussehende Unget\u00fcm lustig \u2013 aber soll ich Ihnen etwas verraten? Der Cybertruck ist optisch das, was ich f\u00fchle, w\u00e4hrend ich auf dem Rad sitzend von einem gro\u00dfen PKW in der Stadt \u00fcberholt werde. Ich teile mir als Radfahrende den Platz mit Fahrzeugen, in denen zwar oft auch nur eine Person sitzt, die aber jede Menge Stahl dabeihat, der sie sch\u00fctzt. Ich habe davon nichts. Und ich m\u00f6chte mich als Radfahrende nicht aufr\u00fcsten mit Sicherheitsweste, Abstandhalter und Fahrradhelm. Es gibt sehr viel mehr Kopfverletzungen bei Autofahrenden, wir jedoch sollen eine subjektive Sicherheit durch Helme erzeugen. Denn mal ehrlich: Wenn mich ein Auto \u00fcberrollt, dann hilft mir auch kein Helm. Leben rettet nur, wer Radfahrenden eigene Spuren gibt.<\/p>\n<p>Und die Lebensqualit\u00e4t in St\u00e4dten steigert nur, wer dem Auto Raum wegnimmt, denn woher soll dieser kommen, wenn nicht vom Auto? Obwohl wir dieses in der Stadt zumeist nicht benutzen, sondern parken, bekommt es kostenlos den Raum zur Verf\u00fcgung, der allen geh\u00f6ren sollte. Autofreie Innenst\u00e4dte in Metropolen wie Madrid und Barcelona finden wir klasse, Radst\u00e4dte wie Kopenhagen bewundern wir und wenn wir dort sind, genie\u00dfen wir die Freiheit, die wir hier ohne Auto im wahrsten Sinne erfahren \u2013 aber vor der eigenen Haust\u00fcr empfinden wir die Vision einer autofreien Stadt als Einschr\u00e4nkung. Ich betrachte diesen Verzicht als Gewinn \u2013 f\u00fcr alle, f\u00fcr Gesundheit, Gem\u00fct und Mensch sein. Seitdem ich geboren wurde, atme ich die Abgase von Menschen ein, die in der Stadt nicht auf ihr Auto verzichten. Meine Gesundheit wird von einem Verkehrssystem in Mitleidenschaft gezogen, das Umwelt zerst\u00f6rt, Menschenleben gef\u00e4hrdet und Stadtraum an Stehzeuge verschleudert.<\/p>\n<p>Mein Bild hier ist der Blickwinkel eines Kindes. Wie nimmt eine Dreij\u00e4hrige Eimsb\u00fcttel wahr? Sie blickt, ihrer K\u00f6rperh\u00f6he geschuldet, nur auf Stahl. Sie muss sich vom Gehweg aus durch Autol\u00fccken an die Stra\u00dfe herantasten, weil sie diese nicht \u00fcberblicken kann \u2013 auch im Wohnviertel nicht. Sie lernt, dass jedes Mal, wenn sie aus dem Auto ihrer Eltern steigt, sie an die Hand genommen und vor der gef\u00e4hrlichen Stra\u00dfe gewarnt wird.<\/p>\n<p>Wollen wir, dass unsere Kinder in Angst aufwachsen und mit dem Auto zum Kindergarten und zur Schule gebracht werden m\u00fcssen? Oder wollen wir sie selbstbewusst erziehen, ihnen erm\u00f6glichen, dass sie selbst frei entscheiden, wie sie sich durch Hamburg bewegen?<\/p>\n<p>Lassen Sie uns den Status Quo hinterfragen, das wird allen mehr Lebensqualit\u00e4t erm\u00f6glichen. Denn schon heute, das wei\u00df ich aus Gespr\u00e4chen, sind Autobesitz und -fahrten nicht mehr die Freiheit, die die Autoindustrie in Werbeanzeigen verspricht.<\/p>\n<p>Es wird sich am Status Quo geradezu sklavisch festgehalten. Er wird nicht hinterfragt, obwohl wir aktuell enorm viele gute Gr\u00fcnde haben, das zu tun.<br \/>\nUnd hier f\u00e4ngt das Thema \u201cHaltung\u201d meiner Meinung nach an. Wir scheinen uns nicht wohl damit zu f\u00fchlen, gestalten zu k\u00f6nnen oder es gar zu m\u00fcssen. Wir strapazieren den Begriff der enkeltauglichen Zukunft, treiben aber weiter das Hamsterrad von Wachstum und Gewinnen an. Na klar, das ist uns \u00fcber Jahrzehnte so vorgelebt und eingetrichtert worden. Aber genau das brachte uns ja in die Klimakrise. Wir m\u00fcssen hinterfragen, was wir tun<\/p>\n<p>Wir M\u00dcSSEN unser vertrautes Koordinatensystem zum Teil neu justieren, sonst verlieren wir nicht nur den \u00dcberblick, sondern gehen im schlimmsten Fall sogar in die falsche Richtung \u2013 n\u00e4mlich r\u00fcckw\u00e4rts. Und genau das gibt auch mein Gef\u00fchl von 2019 in Sachen Mobilit\u00e4tswandel wieder. Es ist nicht so, dass nichts passiert w\u00e4re, aber viel wurde wieder verzagter. Gro\u00dfe Player haben den Markt wieder verlassen oder sich mehrj\u00e4hrige Expansionpausen verordnet, um \u201cVerluste zu vermeiden\u201d.<\/p>\n<p>Aber wird der Mobilit\u00e4tswandel ohne geldwerte Verluste zu starten sein? Sollten in Sachen klimarettende Verkehrswende nicht andere W\u00e4hrungen z\u00e4hlen wie z. B. der \u00f6kologische Gewinn f\u00fcr die Gemeinschaft?<\/p>\n<p>Ich habe mit vielen Menschen \u00fcber \u201cmein Jahr 2019\u201d gesprochen. Wurde gefragt, wie anstrengend es eigentlich ist, sich f\u00fcr das Thema Verkehrswende einzusetzen und dabei auch immer die Thema Diversit\u00e4t und neue Arbeitsformen anzubringen. Ob das nicht ein paar Baustellen zuviel seien?<\/p>\n<p>Sie sehen mich nicken: Ja. Es ist enorm anstrengend.<\/p>\n<p>Aber ich sehe einfach keine Chance, diese Themen voneinander zu trennen.<\/p>\n<p>Und ja: Gerade das Thema der neuen Mobilit\u00e4t jenseits des privat besessenen PKW ist ein v\u00f6lliges Filterblasen-Thema, das sehe ich aktuell bei Besuchen meiner Eltern, die im Emsland wohnen. Hier gibt es keinen gut ausgebauten \u00d6PNV, es gibt aber auch kaum Menschen, die diesen fordern, weil vor jedem Eigenheim gleich mehrere Autos stehen. Also: Ad hoc Mobilit\u00e4t ist vorhanden. Immer. Und hier ist weder Parkdruck noch Stau ein Thema.<\/p>\n<p>Dennoch muss sich auch die Mobilit\u00e4t in Mittelzentren und kleineren St\u00e4dten sich ver\u00e4ndern. Und hier kommen wir wieder zum Thema Haltung. Da, wo die \u00c4nderung stattfinden muss, wird sich stets zun\u00e4chst Widerstand regen. Weil Verbote und Verzicht bei uns negativ belegt sind. Unsere Freiheit ein hohes Gut ist. Wir unsere Privilegien nicht gef\u00e4hrdet sehen wollen, auch, weil wir diese zum Teil als gegeben wahrnehmen \u2013 und nicht als \u201cungerecht, aber vor allem an uns verteilt\u201d. Es m\u00fcssten also sehr viele Fragen gestellt werden, von m\u00f6glichst vielen, um m\u00f6glichst viele in unserer Gesellschaft in der Zukunft, die wir ab heute bauen m\u00fcssen, zu ber\u00fccksichtigen. Und das beginnt bei den Unternehmen, die Auto- und andere Mobilit\u00e4t gestalten.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft dies f\u00fcr bestehende Gesetzgebung?<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderung braucht definitiv neue regulatorische Rahmenbedingungen. So sind in der neuen Stra\u00dfenverkehrsordnung und \u2013 so deutet es sich zumindest an \u2013 auch in der Novelle des Personenbef\u00f6rderungsgesetzes Anker gesetzt, die zum einen die \u201eschw\u00e4cheren\u201c Verkehrsteilnehmer sch\u00fctzen, und mehr Raum f\u00fcr Versuche schaffen. Das klingt zun\u00e4chst sehr diffus, hei\u00dft aber, dass ausprobiert werden darf, was heutige Autofahrer:innen letztlich zum Ausstieg bewegen k\u00f6nnte. So zum Beispiel neue Konzepte wie On-Demand-Ridepooling (integriert in den Nahverkehr) nicht mehr als tempor\u00e4r limitierten Versuch auszulegen, sondern fest zu verankern und je nach Resonanz der Kund:innen auszubauen. Das Berliner Mobilit\u00e4tsgesetz ist zudem das erste seiner Art in Deutschland, wird von Forschenden, Beh\u00f6rden und der Politik begleitet, hat seinen Ursprung aber in der Zivilgesellschaft. Die hat \u00fcber den ersten Radentscheid \u201evon unten\u201c entschieden, dass die Berliner Mobilit\u00e4t sich \u00e4ndern muss.<\/p>\n<p>Auch in Europa setzen sich Politiker:innen durch, die \u201enach Corona\u201c nicht mehr zur\u00fcck zum vorherigen Zustand wollen, sondern die Krise nutzen, um Mobilit\u00e4t anders zu gestalten. Br\u00fcssel ist hier \u00fcberraschend deutlich und sperrt Autos aus, in Paris gestaltet B\u00fcrgermeisterin Anne Hidalgo diesen Umbau schon seit l\u00e4ngerem. Stra\u00dfen werden autofrei gestaltet, Ufer der Seine zu aufenthaltsattraktiven Str\u00e4nden. Die Stadt wird dem Menschen zur\u00fcckgegeben \u2013 und genau darum geht es. Denn seien wir ehrlich: Schon jetzt bemerken wir, dass die Temperaturen seit langem \u00fcber dem Normalniveau liegen. Die Wiener Vizeb\u00fcrgermeisterin Birgit Hebein schafft hier die so genannten \u201ecoolen Stra\u00dfen\u201c, die durch Begr\u00fcnung und Schaffen von Raum helfen sollen, dass sich Menschen drau\u00dfen aufhalten k\u00f6nnen, die nicht \u00fcber Balkone und viel Platz verf\u00fcgen, aber auch die Stadt an sich zu k\u00fchlen. Spannende Zeiten, in denen es mutigen Politiker:innen gelingen kann, echten Mehrwert f\u00fcr den mobilen Wandel zu schaffen.<\/p>\n<p><strong>Dieser Artikel hat Ihnen gefallen? 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