{"id":1869,"date":"2019-08-28T13:59:48","date_gmt":"2019-08-28T11:59:48","guid":{"rendered":"https:\/\/bernstein-group.com\/?p=1869"},"modified":"2019-08-28T13:59:24","modified_gmt":"2019-08-28T11:59:24","slug":"die-probleme-der-demokratie-im-netz-zeitalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernstein-group.com\/de\/2019\/08\/28\/die-probleme-der-demokratie-im-netz-zeitalter\/","title":{"rendered":"Die Probleme der Demokratie im Netz-Zeitalter"},"content":{"rendered":"<p>Die besten Entscheidungen sind wohl\u00fcberlegt und ausgewogen. Das gilt nicht zuletzt in Demokratien, denn hier wirken alle B\u00fcrger an Entscheidungen \u00f6ffentlichen Interesses mit. Um sie zu treffen, braucht die Wahlbev\u00f6lkerung deshalb genug Informationen \u2013 am besten alle verf\u00fcgbaren. Oder doch nicht?<\/p>\n<p>Dank des Internets verf\u00fcgen wir \u00fcber eine unvorstellbare Masse an Wissen und Informationen. Trotzdem mehren sich unter Politologen l\u00e4ngst Stimmen, die mit Blick auf das Brexit-Referendum und die Wahl Donald Trumps der Demokratie den baldigen Kollaps bescheinigen. Die Harvard-Professoren Steven Levitsky und Daniel Ziblatt z\u00e4hlen dazu, genauso Yascha Mounk mit seinem Werk \u201eDer Zerfall der Demokratie\u201c. Eine wiederkehrende These vieler Autoren ist dabei, dass die B\u00fcrger im Zeitalter des Internets nur \u00fcber eine bedingte Urteilskraft verf\u00fcgen. Doch ist diese Ansicht wirklich neu?<\/p>\n<p>Die Willensbildung durch die B\u00fcrger auf Basis von Informationen wird seit jeher immer wieder in Frage gestellt \u2013 und damit auch die Demokratie als solche. Zu einem der einflussreichsten und f\u00fcr viele bis heute \u00fcberzeugendsten Kritiker geh\u00f6rte der US-Journalist Walter Lippmann. Sein Werk \u201ePublic Opinion\u201c ist nun bereits fast 100 Jahre alt. Trotzdem scheint es an vielen Stellen aktueller denn je.<\/p>\n<p>Lippmann war enger Berater von US-Pr\u00e4sident Woodrow Wilson, gl\u00fchender Anti-Kommunist und einflussreiches Mitglied des Committee on Public Informationen. Dieses hatte w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges den Auftrag, die Meinung in der amerikanischen Bev\u00f6lkerung so zu beeinflussen, dass die zun\u00e4chst gro\u00dfe Kriegsskepsis einer breiten Unterst\u00fctzung f\u00fcr ein milit\u00e4risches Eingreifen der USA in Europa wich. Unter diesem Einfluss kam er zu dem Schluss, dass B\u00fcrger eben nicht in der Lage seien, ein fundiertes Verst\u00e4ndnis von Fragen \u00f6ffentlichen Interesses zu erlangen, auf dessen Basis sie \u00fcberlegte Entscheidungen treffen k\u00f6nnen. Die daf\u00fcr notwendigen Informationen l\u00e4gen, so Lippmann, dem gr\u00f6\u00dften Teil der B\u00fcrger nicht vor. Wichtigste Ursache daf\u00fcr sei die Presse, die auf der Jagd nach der n\u00e4chsten Schlagzeile mal bewusst, mal unbewusst den Berichtgegenstand, die eigentlich Information, unterschlage.<\/p>\n<p>Lippmann forderte deshalb ein unabh\u00e4ngiges Expertengremium, das die Informationen ganzheitlich aufnehmen und in politische Entscheidungen umsetzen k\u00f6nne. Die Folgerung mag radikal sein \u2013 trotzdem liegt sie uns nicht v\u00f6llig fern: Kaum ein Kommentator, der nicht mit gro\u00dfem Unverst\u00e4ndnis hinterfragt hat, wie der britische Premier David Cameron \u00fcberhaupt auf die Idee kommen konnte, die B\u00fcrger im Rahmen eines Referendums \u00fcber den Brexit abstimmen zu lassen. Umgekehrt sahen in der j\u00fcngeren Vergangenheit nur wenige Politikbeobachter die italienische Technokraten-Regierung unter Mario Monti kritisch \u2013 obwohl diese nur bedingt demokratisch legitimiert war.<\/p>\n<p>Sind Lippmanns Beobachtungen noch heute aktuell? Hat er recht \u2013 oder sind die B\u00fcrger heutzutage deutlich besser informiert, sodass es kein Expertengremium braucht?<\/p>\n<p>Zu Lippmanns Zeiten in den fr\u00fchen 1920er-Jahren waren es vor allem Zeitungen, die Informationen filterten und \u00fcbermittelten. Diese \u201eGatekeeper\u201c-Funktion ist den klassischen Medien, so scheint es heute, inzwischen verloren gegangen: Das Internet \u00fcberflutet uns mit einer schier unendlichen F\u00fclle an Informationen. Selbst kleinste Nischenthemen finden im Netz eine \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich erscheint das \u2013 auch im Sinne Lippmanns \u2013 als eine positive Entwicklung. Allerdings erwachsen aus ihr auch zwei gro\u00dfe Herausforderungen:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Der Verlust der Allgemeing\u00fcltigkeit:<\/strong> Jede Information, so basal sie auch erscheinen mag, wird heute hinterfragt, kaum etwas als allgemeing\u00fcltiges Faktum akzeptiert. Das macht es schwerer denn je, Informationen, die f\u00fcr die Allgemeinheit von Wert und G\u00fcltigkeit sind, auch entsprechend zu vermitteln.<\/li>\n<li><strong>Die direkte Information:<\/strong> Die Informationsflut, noch dazu ohne klassischen Gatekeeper, trifft ungefiltert und direkt auf ihre Leser, Zuschauer und Zuh\u00f6rer. Eine Einordnung von Hintergr\u00fcnden, zugrundeliegenden Interessen und Relevanz findet kaum noch statt. Alles scheint wichtig und unwichtig zugleich.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Stellen m\u00fcssen sich diesen Herausforderungen alle, die sich mit der Vermittlung, Aufbereitung und Einordnung von Informationen besch\u00e4ftigen: Journalisten, Politiker, Kommunikatoren. Sie m\u00fcssen sich fragen, wie sie ihre Glaubw\u00fcrdigkeit untermauern, damit Informationen und Wissen den Status der Allgemeing\u00fcltigkeit erlangen bzw. zur\u00fcckerlangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gleichwohl gilt: Demokratien sind agiler und flexibler als bef\u00fcrchtet. Auch vor bald 100 Jahren wurde ihnen ein schnelles Ende vorausgesagt. Eingetreten ist diese Dystopie nicht. Dennoch haben sich die Entscheidungsverfahren, Meinungsbildungsprozesse und Informationsfl\u00fcsse fundamental ver\u00e4ndert. Darauf gilt es Antworten zu finden. Lippmann kann uns hier sicherlich vor allem zeigen, auf welche Gefahren immer wieder zu achten ist. Praktische Tipps zum Umgang mit den Herausforderungen unserer Zeit gibt er uns nicht.<\/p>\n<p>Walter Lippmann (1922): Public Opinion.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die besten Entscheidungen sind wohl\u00fcberlegt und ausgewogen. Das gilt nicht zuletzt in Demokratien, denn hier wirken alle B\u00fcrger an Entscheidungen \u00f6ffentlichen Interesses mit. Um sie zu treffen, braucht die Wahlbev\u00f6lkerung deshalb genug Informationen \u2013 am besten alle verf\u00fcgbaren. 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